Komplexitätsforscher Peter Klimek ist „Wissenschafter des Jahres 2021“

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen hat den Komplexitätsforscher Peter Klimek als Wissenschafter des Jahres 2021 ausgezeichnet

Der Physiker Peter Klimek forscht an der Medizinischen Universität Wien und am Complexity Science Hub Vienna an neuen Methoden zur Analyse und Modellierung riesiger Datenmengen („Big Data“) in der Medizin – mit dem Ziel, die Gesundheit von Patientinnen und Patienten sowie die Effizienz und Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems zu verbessern. Die Forschungsergebnisse vermittelt er der Öffentlichkeit kompakt und verständlich. In der Covid-Pandemie wurde Klimek zu einem der wichtigsten heimischen Experten. Er scheut auch nicht davor zurück, bisweilen zweifelhafte politische Entscheidungen mit klaren Worten zu kommentieren.

Die Auszeichnung „Wissenschafterin bzw. Wissenschafter des Jahres“ verleiht der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen – dem Vereinszweck folgend – nicht nur für exzellente Forschung, sondern auch für das Bemühen von Forschenden, ihre Arbeit einer großen Öffentlichkeit verständlich zu machen. Wie in den Vorjahren hatten die Klubmitglieder auch heuer die Qual der Wahl: Insbesondere in Zeiten der Pandemie gab es zahlreiche Persönlichkeiten, die sich um die Verbreitung von wissenschaftlich fundierten Fakten verdient gemacht haben.

Hier die Links zur medialen Berichterstattung:

https://tvthek.orf.at/profile/ZIB-1/1203/ZIB-1/14119932

https://radiothek.orf.at/oe1/highlights/2019812

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20220110_OTS0032/peter-klimek-ist-wissenschafter-des-jahres-2021

https://science.orf.at/stories/3210813/

https://kurier.at/wissen/gesundheit/wissenschafter-der-jahres-peter-klimek-aktuelles-pandemie-management-ist-gluecksspiel/401866229

https://www.sn.at/panorama/wissen/komplexitaetsforscher-klimek-ist-wissenschafter-des-jahres-115249351

https://www.derstandard.at/story/2000132406493/peter-klimek-der-wichtigste-hebel-den-wir-haben-sind-di

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/mensch/2133684-Zeit-gewinnen-ist-das-Gebot-der-Stunde.html

https://www.vol.at/peter-klimek-ist-wissenschafter-des-jahres-2021/7252386

https://www.krone.at/2599550

Komplexitätsforscher Peter Klimek ist „Wissenschafter des Jahres“

Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zeichnet Forscher für seine Vermittlungsarbeit aus – Klimek wollte immer schon erklären, warum Forschung „etwas Cooles und Sinnvolles ist“ =

Wien (APA) – Der Komplexitätsforscher Peter Klimek ist Österreichs „Wissenschafter des Jahres 2021“. Gewählt haben den unermüdlichen Covid-19-Prognostiker und -Mahner die Mitglieder des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten. Mit der am Montag in Wien übergebenen Auszeichnung wird u.a. die Vermittlungsarbeit des 39-jährigen Wissenschafters vom Complexity Science Hub (CSH) und der Medizinischen Universität Wien rund um die Corona-Pandemie gewürdigt.

Bei der seit 1994 jährlich durchgeführten Wahl will der Journalistenklub vor allem das Bemühen von Forscherinnen und Forschern auszeichnen, ihre Arbeit und ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen und damit das Bewusstsein für die Bedeutung der heimischen Wissenschaft zu steigern. Klimek habe sich kaum träumen lassen, die Auszeichnung zu erhalten: „Wie sich das in den letzten Jahren beschleunigt und entwickelt hat, macht mich eigentlich sprach- und fassungslos“, sagte der Wissenschafter im Gespräch mit der APA.

Klimek ist seit Pandemiebeginn etwa im Rahmen des Covid-Prognosekonsortiums eng mit dem Management der Krise verbunden. Dabei teilte der Physiker und Komplexitätsforscher auch mehrfach Spitzen gegen die Politik aus wegen epidemiologisch kaum nachvollziehbarer Maßnahmensetzungen oder -lockerungen bzw. wegen deren Trägheit in der Pandemiebekämpfung: „Anscheinend ist die Strategie, das Virus mit unvorhersehbaren Öffnungsschritten zu verwirren“, sagte Klimek etwa angesichts angekündigter Öffnungsschritte bei steigenden Zahlen im März 2021. Mehrfach bemängelte er den zu langen politischen „Bremsweg“. Nicht zuletzt sah der stets besonnene Wissenschafter angesichts von Politikeraussagen, die die Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich just vor dem sich neuerlich abzeichnenden Lockdown im Herbst beförderten, das Land „einen Schritt weiter zur Bananenrepublik“ werden.

Mittlerweile gehört Klimek zu den am häufigsten in den Medien auftretenden Wissenschaftern und wird zunehmend auch zu seinen politischen Einschätzungen befragt. „Ich habe die Aufgabe des Wissenschafters immer schon so verstanden, dass Kommunikation ein großer Teil davon ist“. Es gehe auch darum, weniger wissenschaftsaffinen Menschen erklären zu können, „warum das etwas Cooles und Sinnvolles ist“, sagte der Forscher, der seine Vermittlungsarbeit nun auch viel mehr in den politischen Kontext einbetten musste, und seine Aussagen mitunter plötzlich auch politisch verwendet sieht: „Das war sicher eine neue Herausforderung.“

Sich auf einmal in den meistgesehenen Nachrichtensendungen wiederzufinden, war für Klimek ebenso neu. Er habe sich früher oft darüber „innerlich extrem aufgeregt“, dass dort Menschen auftraten, „die zehn Minuten reden und nichts sagen. Da habe ich mir vorgenommen: Sollte ich einmal dort sitzen, sage ich einfach, was los ist“. Er schätze es, dass man als Wissenschafter vielfach freier sprechen könne als so mancher Politiker – „selbstverständlich immer verankert in der Evidenz, wo es unser Tagesgeschäft ist, diese aufzubereiten“.

Das wichtigste für die „Pandemieerklärer“ sei, „dass man einfach immer am Laufenden und am neuesten Stand bleibt, bei dem, wie sich die Forschungsergebnisse entwickeln. Ich möchte den Leuten sagen, dass wir diese Aufgabe wahrnehmen und sehr ernst nehmen“, betonte Klimek. Wie rasch sich alles verändern kann, zeige nicht zuletzt die neue Omikron-Variante des SARS-CoV-2-Erregers.

Bei den fast schon zur Routine gewordenen Medienauftritten versuche er, sich „selber treu zu bleiben“, sagte der Vater zweier kleiner Kinder. Zu seinen Aussagen bezüglich der Wissenschaftsfeindlichkeit hierzulande habe er etwa sehr viel positive Rückmeldung bekommen. Man müsse jedenfalls weiter herausstreichen, wie die Wissenschaft zu Lösung der Pandemie beiträgt, und die Themenführerschaft nicht „ein paar Tausend Leuten, die am Ring laut schreien“ überlassen.

Sozusagen „nur“ seine Forschung vermittelt hat der in Niederösterreich und Wien aufgewachsene Wissenschafter auch schon lange vor der Pandemie. So publiziert er seit vielen Jahren regelmäßig in renommierten Fachmagazinen – oft auch im Tandem mit dem CSH-Chef Stefan Thurner, dem „Wissenschafter des Jahres 2017“. Die Palette der Themen, mit denen sich Klimek auf Basis von Daten auseinandersetzt, ist durchaus erstaunlich: So wies er mit einer eigens entwickelten statistischen Methode diverse Unregelmäßigkeiten bei Wahlen in aller Welt nach, befasste sich mit dem Wandel von Trends in der Popmusik oder wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen.

Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt jedoch seit langem im medizinischen Bereich. „Wir wollen verstehen, wie gesund wir Österreicherinnen und Österreicher eigentlich sind“, so Klimek. Ein ständiger Begleiter ist dabei die im internationalen Vergleich oft schwierige Verfügbarkeit von Daten, aus denen sich wichtige Erkenntnisse ableiten lassen – ein Aspekt, den Klimek auch im Verlauf der Pandemie mehrfach kritisch angesprochen hat.

Damit zusammen hänge auch, dass man sich in Österreich leider immer nur von Welle zu Welle „durchgewurschtelt“ hat. Die Pandemie laufe schon rund zwei Jahre lang und könne noch länger weiter gehen: „Wir müssen einmal beginnen, da permanente Strukturen zu schaffen.“

Eine Strukturdebatte im Medienbereich wünscht sich der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten. So nimmt man die heurige Ehrung zum Anlass, um im Rahmen einer Initiative „auf den Stellenwert der Vermittlung wissenschaftlicher Fakten durch fundierten, ausgewogenen Bildungs- und Wissenschaftsjournalismus aufmerksam zu machen“. Im Zuge der geplanten Neuordnung der Medienförderung sollte dem Stellenwert der wissenschaftlichen Berichterstattung damit Rechnung getragen werden, dass das Vorhandensein einer Wissenschaftsredaktion mit angestellten Journalisten zu einem der Kriterien für die Zuerkennung von Presseförderung wird. Wissenschaftsjournalismus leiste „einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen ‚Fake News'“, so die Klubvorsitzende, Eva Stanzl von der „Wiener Zeitung“.

Die Vereinigung arbeitet hierzu ein Konzept aus, das als Grundlage für Diskussionen mit dem Bildungsministerium dienen soll. Unterstützung für eine „übergreifende, koordinierte und nachhaltige Strategie zur Wissenschaftskommunikation“ kommt von der früheren Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), Helga Nowotny, und zahlreichen „Wissenschaftern des Jahres“. „Wir müssen mit Evidenz ein Gegengewicht zu alternativen Fakten und bloßem Hörensagen schaffen“, so Klimek. In dieselbe Kerbe schlagen auch seine Vorgänger, die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, der Theologe Ulrich Körtner, der Chemiker Nuno Maulide, die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal, der Prionen-Forscher Herbert Budka, der Alternsforscher Georg Wick oder der Preisträger des Jahres 2004, der Mathematiker und nunmehrige ÖVP-Bildungssprecher Rudolf Taschner.

Nach der Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl als „Wissenschafterin des Jahres 2020“ ist Klimek nun bereits der zweite Ausgezeichnete aus der Riege der Forscher, die sich zuletzt stark um das Management der Pandemie verdient gemacht haben. In den Jahren davor haben die Historikerin Barbara Stelzl-Marx (2019), Nuno Maulide (2018), Stefan Thurner (2017) und die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer (2016) die Auszeichnung erhalten.

Peter Klimek: Vom Zeilinger- zum Komplexitäts-Fan und Covid-Erklärer –

Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zeichnet vielfältig interessierten 39-Jährigen als „Wissenschafter des Jahres 2021“ aus =

Wien (APA) – Der „Wissenschafter des Jahres 2021“, Peter Klimek, ist zu einem der präsentesten wissenschaftlichen Pandemiebegleiter geworden. Nicht zuletzt ließ der Komplexitätsforscher auch damit aufhorchen, wie er sich selbstbewusst vor die Wissenschaftsgemeinde stellte. Dass er einmal Teil davon werden sollte, war dem gebürtigen Wiener nicht in die Wiege gelegt. Einen gewissen Anteil daran hat auch Österreichs wohl bekanntester Forscher, der Quantenphysiker Anton Zeilinger.

Die Pandemie hat die schon vor Corona engen Zeitpläne des am 17. August 1982 geborenen Wissenschafters nochmals stark verdichtet. „Leider ist die Zeit, die man für Hobbys verwenden kann, sehr stark zurückgegangen“, so der Vater zweier kleiner Kinder gegenüber der APA. Als Neujahrsvorsatz gibt der Forscher an, möglichst mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu wollen. Dass ihn die größte Gesundheitskrise seit Generationen einmal so auf Trab halten wird, war für den in einer niederösterreichischen Weinbauernfamilie aufgewachsenen Physiker nicht unbedingt vorgezeichnet.

So war Klimek der erste in seiner Familie, der die Matura abgelegt und studiert hat. Schon als Kind hat er im familieneigenen Heurigenbetrieb mitgeholfen. Als Jugendlichen faszinierten ihn die Quantenteleportations-Experimente Zeilingers und er machte sich daran, die Hintergründe zu verstehen. Nach der Übersiedlung der Familie nach Wien war für den sehr guten Schüler, der seine Hausübungen gerne schon in der Schule erledigte, um Zeit für andere Aktivitäten zu sparen, klar, dass er Physiker werden wollte.

So startete er sein Physikstudium an der Universität Wien. Im Gegensatz zur Schule musste der nach eigenen Angaben auch stark an den Vorzügen des Studentenlebens interessierte Student hier zu Beginn härter arbeiten, um mitzukommen. Seine Diplomarbeit schrieb er auf dem Gebiet der theoretischen Quanteninformation am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dann wandte sich sein Interesse jedoch der Chaos-Forschung zu.

Abseits der Physik befasste sich Klimek auch schon früh mit Philosophie, deren Studium er bis zum ersten Abschnitt absolvierte, und geisteswissenschaftlichen Themen. Diese Offenheit für Themen und die Suche nach Erkenntnissen sollte ihm so schnell nicht abhandenkommen.

Als PhD-Student heuerte Klimek bei Stefan Thurner an, mit dem er heute am Complexity Science Hub (CSH) Vienna und an der Medizinischen Universität (MedUni) Wien zusammenarbeitet. In der Forschungsgruppe für Komplexe Systeme der MedUni näherte sich Klimek verschiedensten Forschungsfragen an. Darunter waren auch Arbeiten zu gesellschaftlichen Problemen, wie der Bürokratie. Die Basis waren immer Daten, die er mittels computergestützter methodischer Zugänge analysierte. Der Physiker wurde zum Komplexitätsforscher.

Diese Methodik wendete er in der Folge auf biologische, wirtschaftswissenschaftliche, gesellschaftspolitisch-soziologische Fragen oder auf Probleme des Risikomanagements an. Dazu kamen Arbeiten, die ihm erste mediale Aufmerksamkeit einbrachten, wie eine eigens entwickelte statistische Methode, um Unregelmäßigkeiten bei Wahlen nachzuweisen. Das Erklären von wissenschaftlichem Inhalten – für seine Vermittlungstätigkeit zeichnet ihn der Klub der Bildungs-und Wissenschaftsjournalisten nun aus – habe er immer als Aufgabe eines Wissenschafters verstanden, betont Klimek.

Nach kurzen Stationen am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien und in Deutschland vor rund zehn Jahren begann er als Postdoc und Assistenzprofessor an der MedUni. Seit 2017 ist er dort außerordentlicher Professor und auch „Faculty member“ am damals neu gegründeten CSH.

Inhaltlich beschäftigt sich Klimek bereits seit ungefähr zehn Jahren sehr stark mit medizinischen Fragestellungen. Dafür ausschlaggebend war auch eine Krebserkrankung in der Familie. So trieb Klimek u.a. die Frage an, warum junge und sportliche Menschen derart erkranken. Der Treibstoff für diese Forschungen sind dementsprechend Gesundheitsdaten. So konnte er etwa mit der Gendermedizinerin und „Wissenschafterin des Jahres 2016“, Alexandra Kautzky-Willer, herausfinden, dass eine Insulintherapie das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen kann und wie sich das verhindern ließe.

Letztlich habe sich gezeigt, dass man mit Datenforschung einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen kann, so Klimek. Das tut der nunmehrige Preisträger auch im Zusammenhang mit der Coronapandemie, die er und das Team am CSH etwa im Rahmen des Covid-Prognosekonsortiums begleiten. Klimek und Co lenkten ihre Forschungsaktivitäten nach Pandemiebeginn sofort stark dieses Thema um. Nicht zuletzt habe die Pandemie eindrucksvoll gezeigt, dass die Ausbreitung von Infektionserkrankungen weit komplexer sein kann als vielfach angenommen.

Vieles musste hier in den vergangenen fast zwei Jahren neu gedacht werden. Der Ansatz, die Welt als großes, komplexes Netzwerk zu verstehen, habe sich hier als hilfreich erwiesen. Sollte die Pandemie abebben, wolle er weiter an der bei weitem nicht trivialen Frage arbeiten, „wie gesund wir Österreicherinnen und Österreicher eigentlich sind“, so Klimek.

 

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